Interview mit Dr. Pablo Tobajas

„Eine wirksame und sichere medikamentöse Behandlung von Angststörungen erfordert die Betreuung durch einen Psychiater“

Laut dem Gesundheitsministerium bzw. der Weltgesundheitsorganisation (WHO) liegt die Betroffenheit in der Bevölkerung zwischen 5 % und 10 %, wobei Frauen häufiger betroffen sind. Nach den neuesten Umfragen ist Angststörung bereits das am häufigsten genannte psychische Problem in Spanien. Und Spanien führt den Verbrauch von Angstlösern (Anxiolytika) in Europa an.

F.– Was genau ist Angst (Angststörung)?

A.– Angst ist ein anhaltender Zustand von Sorge und Furcht, der die normale Funktionsweise einer Person beeinträchtigen kann – durch Symptome wie Nervosität, Herzklopfen, Schwitzen, Erröten oder das Gefühl, keine Luft zu bekommen.

F.– Ist Angst dasselbe wie Stress?

A.– Angst und Stress sind eng miteinander verbunden und können beide eine gewisse Anpassungsfunktion haben. Es gibt jedoch Unterschiede: Angst tritt oft als Alarmreaktion auf und ist mit Furcht und Besorgnis verbunden – zum Beispiel bei der Konfrontation mit einem gefährlichen Tier oder der Vorstellung, dass etwas Schlimmes passieren könnte.

Stress hingegen entsteht, wenn eine Person glaubt, nicht über die nötigen Fähigkeiten oder ausreichend Zeit zu verfügen, um eine bestimmte Situation zu bewältigen. Es handelt sich also um ein Ungleichgewicht zwischen den Anforderungen und den zur Verfügung stehenden Ressourcen.

Stress lässt meist nach, sobald der auslösende Reiz (z. B. eine Prüfung) verschwindet. Bei Angststörungen hingegen kann der Auslöser bereits nicht mehr vorhanden sein – und trotzdem bleibt die Angst bestehen, oft nur durch die Vorstellung dieses Reizes.

F.– Dr. Tobajas, ist Angst Ihrer Meinung nach notwendig oder gefährlich für unsere psychische Gesundheit? Was können Sie uns dazu sagen?

A.– Angst ist ein normales, adaptives System, das uns hilft, die täglichen Herausforderungen zu meistern. Problematisch wird sie erst, wenn sie pathologisch wird – wenn also ein übertriebenes oder irrationales Gefühl von Gefahr auftritt. In solchen Fällen steht die Intensität der Angst nicht mehr im Verhältnis zur tatsächlichen Situation.

Viele unserer Patient:innen kommen zu Bonaire Salut, nachdem sie zuvor verschiedene Fachärzte aufgesucht haben – etwa nach Herzrasen oder einer Ohnmacht im Büro. Oftmals wurden kardiologische oder gastroenterologische Untersuchungen durchgeführt, die unauffällig waren, und schließlich erfolgt die Überweisung an die Psychiatrie. Andere berichten, dass sie begonnen haben zu joggen, um die Angst unter Kontrolle zu halten. Einige haben Selbsthilfebücher gelesen oder mit Meditation begonnen.

Im Gegensatz zum Stress, der mit einem konkreten, aktuellen Auslöser verbunden ist, kann Angst immer wieder auftauchen – auch ohne akuten Reiz. Dann ist es an der Zeit, sie zu behandeln.

F.– Wie hängen Angst und Depression zusammen? Sind sie dasselbe, Dr. Tobajas?

A.– In vielen Fällen sprechen wir über sehr ähnliche Zustände: In rund 80 % der Fälle tritt eine Depression zusammen mit Angst auf. Nur in etwa 20 % der Fälle verläuft sie ohne Angst – meist begleitet von Lethargie, Antriebslosigkeit und mangelndem Interesse an Selbstfürsorge, was häufiger bei älteren Menschen zu beobachten ist.

Was das Schuldgefühl betrifft, hören wir häufig von Patient:innen, sie hätten „nur Angst“, aber keine Depression – als ob es „akzeptabler“ sei, ein bisschen Angst zu haben, während Depression als Zeichen von Schwäche gilt. Das zeigt deutlich, dass das Tabu und die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen weiterhin bestehen.

F.– Ist es manchmal ratsam, diese Menschen medikamentös zu behandeln?

A.– Bei Bonaire Salut verfügen wir über ein multiprofessionelles Team, das genau prüft, welche Fälle eine medikamentöse Behandlung und/oder eine psychotherapeutische Betreuung benötigen.

Die medikamentöse Behandlung von Angststörungen erscheint auf den ersten Blick unkompliziert, wird aber oft verharmlost – als würde ein einfaches Anxiolytikum genügen. Nach meiner Erfahrung ist das jedoch weit von der Realität entfernt. Eine wirksame und zugleich sichere Behandlung von Angststörungen erfordert die sorgfältige Überwachung durch eine:n Psychiater:in.

Wichtig: Spanien ist europaweit Spitzenreiter im Konsum von Anxiolytika – jede:r fünfte Spanier:in nimmt angstlösende oder schlaffördernde Medikamente ein. Ein großer Teil davon erfolgt ohne ärztliche Begleitung – also durch Selbstmedikation.

F.– Dr. Tobajas, was sind Ihrer Meinung nach die häufigsten Ursachen für Angst und Depression? Und welche Rolle spielt unser Lebensstil bei der Entstehung von Angststörungen?

A.– Wenn Depression das Leiden des Jahrhundertswechsels war, dann ist Angst die Krankheit unserer Zeit.
Allein bei Google wird der Begriff Angst bis zu zehnmal häufiger gesucht als Depression. Das zeigt deutlich: Angst hat sich als das „Leiden des 21. Jahrhunderts“ herausgestellt.

Meiner Meinung nach spielt unser Lebensstil dabei eine zentrale Rolle: Beschleunigung, ständiger Stress, Wettbewerbsdruck, überhöhte Erwartungen – und die Frustration, diesen nicht gerecht zu werden – sind häufige Auslöser von Angstzuständen.

Auch der Hedonismus unserer Gesellschaft trägt dazu bei – ein Leben, das nur auf Genuss ausgerichtet ist.
Wir leben in einer Gesellschaft, in der negative Gefühle keinen Platz haben dürfen.
Uns wird im täglichen Marketing eine Fantasie von permanenter Glückseligkeit verkauft – als dürften in einem erfüllten Leben keine dunklen Phasen oder schwierigen Zeiten vorkommen.

Natürlich entsteht Angst nicht nur dann, wenn wir über unseren Platz im Universum nachdenken. Sie tritt auch auf, wenn wir unsere Arbeit verlieren, wenn eine Beziehung zerbricht und wir uns plötzlich einsam fühlen – auch wenn wir es objektiv gar nicht sind. Manchmal, fast unbemerkt, verlieren wir uns selbst aus dem Blick. Wir „verschieben“ uns innerlich auf später – wie eine E-Mail im Spam-Ordner oder ein Punkt ganz unten auf der To-do-Liste.

Und wenn wir uns in diesem Tunnel befinden, ohne rechts oder links zu schauen, ist es oft nur eine Frage der Zeit, bis die Angst in unser Leben tritt.
Plötzlich ist da dieser Moment, in dem sich der Körper anspannt, der Puls rast, die Brust sich zusammenzieht und das Atmen schwerfällt.

F.– Abschließend, Dr. Tobajas: Haben Sie ein paar praktische Empfehlungen zur Vorbeugung von Angstzuständen?

A.– Ja, hier einige einfache, aber effektive Maßnahmen:

Schlafen Sie 7 bis 8 Stunden pro Nacht. Schlafmangel macht uns reizbar und unausgeglichen. Guter Schlaf ist entscheidend für Lernprozesse, die Gedächtnisbildung, Konzentrationsfähigkeit und emotionale Stabilität.

Bewegen Sie sich regelmäßig. Drei Mal pro Woche moderate körperliche Aktivität fördert die Ausschüttung von Endorphinen und Serotonin – Botenstoffe, die mit Wohlbefinden und Ausgeglichenheit in Verbindung stehen.

Planen Sie Ihre Zeit. Strukturieren Sie sowohl Ihre Ruhephasen als auch Ihre aktiven Zeiten. Feste Zeitpläne helfen dabei, Stress zu reduzieren, wichtige Dinge nicht zu vergessen und Ruhepausen effektiv zu nutzen.

Packen Sie Probleme aktiv an. Anstatt sie aufzuschieben, treffen Sie Entscheidungen und suchen Sie Lösungen.

Sexualität leben. Sex kann helfen, besser zu schlafen, Angst abzubauen, Stress zu lindern und das Selbstwertgefühl zu stärken.

Nicht mehr als drei Mal am Tag klagen. Zu häufiges Beschweren verstärkt negative Denkmuster.

Als allgemeine Empfehlung schlage ich die sogenannte 8-3-3-Regel vor:
8 Stunden Schlaf, 3 Sporteinheiten pro Woche, und nicht mehr als 3 Beschwerden täglich.

Originalartikel erschienen in der Ausgabe 33 der Zeitschrift „Salut i Força“, Oktober 2019.